Winterabend

Nacht fällt wie kreischendes Metall über der Stadt herab.
Lichtkegel bahnen sich mit scharfen Schnitten Pfade in der Dunkelheit.
Splitter von Mondlicht rieseln herab auf einen rissigen Asphalt.
Fabrikhallen heben sich in Geburtsschmerzen aus aufgerissenen Siedlungsrändern.
Karosseriewracks stapeln sich wie Dinosaurierskelette zwischen zerborstenen Leitplanken.
Frost zieht mit blauem Atem durch die Schluchten aus Beton und Mauerstein.
Züge rollen über dampfende Blutlachen vorbei an den Bahngleisen.
Uhren harren eingefroren an den schwelenden Ruinen der Sandsteintürme.
Kirchentüren hängen aufgebrochen in ihren schiefen Angeln.
Bildschirme rauschen hinter zerbrochenen Fensterscheiben wie verlorene Träume.
Flammenzungen von Adventskerzen erstarren an den Häuserwänden zu Bernsteintränen.
Rotlichtflackern verendet über den elenden Eingängen der Sex-Shops.
Einkaufswagen stehen leer auf den gefrorenen Wiesen beiderseits der Uferwege.
Kadaver von Ratten und Kaninchen modern auf Rondellen und Verkehrsinseln.
Gliedmaßen verwesen unter den aufgerissenen Sitzpolstern der Linienbusse.
Fleischerhaken halten Reste weggeworfenen Lebens an Peitschenlaternen.
Schatten tragen ihre blinden Herzen in den Benzinduft brennender Scheiterhaufen.

Ein gewöhnlicher Tag findet sein beschauliches Ende.

Verlorensein ist ein Gefühl, das dem Dasein die Seele raubt.