iRide

Als Manox vor die Tür trat, blickte die untergehende Sonne gerade unter den dunkelgrauen Wolken hervor und tauchte Dächer und Giebel der Siedlung in ein unwirkliches Orange. Der Duft nach einem kalten Regen hing in der Luft und im Osten spannte sich ein Regenbogen über den Häusern, die in dem Abendlicht wirkten wie aus einer Computeranimation hinaus in die Realität geschleudert.

Hinter dem Ginko in dem kleinen Vorgarten duckte sich das Ride bereits elfenbeingrau über der Repower-Fläche. Als er sich dem Fahrzeug näherte, vibrierte sein Buddy freudig unter dem Leder seiner Jacke, und die elliptische Seitentür glitt lautlos zur Seite. Er hielt einen Moment inne, kontrollierte nun zum dritten Mal seit dem Zuschnüren der Schuhe den Inhalt der Taschen, indem er Jacke und Hose abklopfte, blickte noch einmal über die Siedlungsdächer hoch zum Regenbogen, spürte die Tropfen kalt in seine Haare nieseln, legte rasch die wenigen verbliebenen Schritte zum Ride zurück, ließ sich in die tiefen Sitzpolster fallen und hob die Füße in die Fahrgastzelle. Die Tür schob sich sanft gleitend zu und schloss den Innenraum unter von einem mechanischen Kussgeräusch.

„Willkommen, Herr Manox. Schön, dass Sie unseren Transportdienst auch heute wieder nutzen. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Fahrt.“

Belustigt nahm er den deutlichen arabischen Akzent und den dunklen Klang der Stimme zur Kenntnis. Das Ride roch frisch desinfiziert über den dunkelblauen Polstern. Mit dem Rücken zur Fahrtrichtung flog sein Blick über die Notruftaste, den Bildschirm mit der Werbung für Kondome bis hin zum Notfalltüröffner, den er sanft mit den Fingerspitzen der ausgestreckten Hand berührte.

„Dieses Fahrzeug hat die letzte Inspektion vor drei Monaten ohne eine Beanstandung abgeschlossen und ist seither unfallfrei in Betrieb.“

Eine Gewohnheit, die Manox nicht mehr ablegen konnte seit dem Unfall vor drei Jahren, als sein Ride während eines sommerlichen Starkregens von der Landstraße in einen überfluteten Graben gerutscht war. Der Aufprall hatte die Tür beschädigt, das Wasser war eingeströmt und es hatte mehrere Minuten gedauert, ehe er die manuelle Entriegelung auslösen konnte, um sich aus dem dem Fahrgastraum zu befreien. Die Bilder von dem ansteigenden Wasserpegel im Inneren und dem Versinken des Ride draußen in den hoch anschwellenden Fluten des Grabens hatten ihn über Monate bis in den Schlaf verfolgt. In dieser Zeit hatte er ganz auf Einzelfahrten verzichtet und nur Joins gebucht, bis die Erinnerung an den Unfall ausreichend verblasst war, um solo unterwegs zu sein.

„Ziel wie bestellt und keine Werbung – bitte.“

Er holte sein Keyboard aus der Jackentasche.

„Dann handelt es sich aber um eine kostenpflichtige Fahrt in der Höhe von …“

„Ich stimme der-Abbuchung für die Kosten eines werbefreien Personentransfers in die Innenstadt zu.“

Er aktivierte den Display-Modus in seinen Kontaktlinsen und schaltete die verschlüsselte Übertragung auf seinem Buddy ein.

„Und bitte die Sichtfenster verdunkeln.“

„Die Abbuchung ist durchgeführt. Dieser Personentransfer ist nun werbefrei für Sie.“

Manox streckte die Beine aus, als sein ID einen dunkelgrauen Schleier in sein Sichtfeld warf, hinterm dem die Welt um ihn herum wie getrennt durch einem halbtransparenten Vorhang zurück trat. Mit hellroten Schriftzügen signalisieren das System die Betriebsbereitschaft. Er ließ sich tief in die Polster hineinsinken, schob die Tastatur auf seinem Schoß zurecht und beobachtete die Boot-Sequenz, die das Display in sein Gesichtsfeld projizierte, um die Verbindung zu seinem Entwicklungsrechner herzustellen.

„Die Fenster sind jetzt verdunkelt.“

Das Fahrzeug beschleunigte sanft und rollte, dem Verlauf der schmalen Straße folgend, langsam aus der Siedlung hinaus auf die breite Fahrbahn Richtung Innenstadt. Die Umgebung des Entwicklungsrechners zeigte einen erfolgreichen Systemstart an und Manox ließ die Finger mechanisch über die Tastatur gleiten, um rasch zu der Stelle zu springen, an der er den Fehler vermutete, um dort einen weiteren Testlauf zu starten. Schweigend wartete er auf die Ergebnisse in den Ausgabedateien.

„Mir liegt eine Regelanfrage für ein Join vor.“

„Abgelehnt.“

Manox ertappte sich amüsiert bei dem Gedanken, dass die nun eingetretene Pause tatsächlich auf einen Denkprozess zurück zu führen wäre.

„Ich muss Sie darauf hinweisen, dass das Abweisen eines Join als Regelanfrage zu erhöhten Kosten …“

„Ich bin einverstanden mit der Abbuchung.“

Verärgert über die Anfrage ließ er die Finger auf die Lehne unter dem verdunkelten Fenster trommeln, während drei Ausgabesequenzen parallel durch sein ID vor die Pupillen projiziert wurden. Alles lief normal. Wichtig war es, nicht die Geduld zu verlieren, sondern auf den Moment zu hoffen, an dem die Störung nochmals auftreten würde. Er schloss die Augen, der Displayhintergrund dunkelte sich ab, und er drehte seinen Kopf in eine Lage derart, als würde er entspannt gen Himmel blicken. Das Ride fuhr nach einem kurzen Halt wieder an, schwenkte in einer Rechtskurve ein, um dann lautlos sanft zu beschleunigen, bis die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit erreicht war. Manox wartete.

„Frau Helena Moranes versucht bereits zum zweiten Mal, Sie zu erreichen. Soll ich das Gespräch für Sie entgegen nehmen?“

Manox schreckte aus seiner Versunkenheit auf. Schlagartig wurde ihm klar, dass er sein Buddy eingegraben hatte und Meldungen weder akustisch noch optisch angezeigt wurden. Er wischte die Entwicklungsumgebung aus dem Display und sah auf dem Bildschirm gegenüber an der Rückwand des Ride Hels Gesicht. Mit einem Wischer über die Konsole der Seitenwand aktivierte er die Gesprächsverbindung.

„Mojo. Wo bist Du?“

Ihre helle Stimme perlte freundlich durch seine Ohren. Natürlich war die mit minzgrünen Kristallen gefüllten Ohrgehänge farblich perfekt auf die Polster ihres Ride abgestimmt.

„Noch im Ride, aber schon in der Stadt.“

Eine Spange mit ebenfalls minzglitzernden Käfern hielt die roten Locken aus einem Gesicht zurück, dessen Blässe durch den zu roten Lippenstift noch betont wurde.

„Du bist doch nicht etwa gerade erst losgefahren? Du hattest versprochen, diesmal pünktlich zu sein.“

„Natürlich bin ich pünktlich los. Aber Du weißt doch selber, wie der Verkehr zu dieser Zeit ist. Die Staus …“

„Manox, ich sehe die Tastatur da auf dem Sitz. Du arbeitest doch nicht auf dem Weg …?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich nach hinten fallen. Manox beugte sich der Ride-Kamera entgegen.

„Hel, ich war mitten drin, den Fehler zu finden. Wenn ich da jetzt aufgehört hätte …“

Er warf die Hände in die Luft, seine Stimme wurde lauter.

„Morgen hätte ich über eine Stunde gebraucht, um mich gedanklich wieder bis an diese Stelle vorzurobben.“

Ihr schwarz lackierter Zeigefinger schnellte nach vorne.

„Und Du hast wieder diese alte Lederjacke an. Mann, wir gehen ins ‚Ex‘, und Du sieht wieder aus wie ein Penner. Wir hatten das anders ausgemacht.“

Flehend hob er die Schultern und drehte die Handflächen nach oben.

„Du kennst mich. Wenn ich mit so einer Sache beschäftigt bin, vergess‘ ich die Welt um mich herum. Du kannst froh sein, dass …“

Ein höhnisches Lachen schüttelte ihren Oberkörper.

„… dass Du mich nicht vergessen hast? Oh Mojo, Du machst es mir echt nicht leicht, mich auf einen Abend mit Dir zu freuen.“

Manox schaute einen Moment zu Boden, um dann wieder aufzusehen und ihre grünen Augen auf dem Bildschirm zu fixieren.

„Es wird ein schöner Abend Hel. Versprochen. Ich – krieg das hin.“

Sie schürzte ihre Lippen und blickte nun ebenfalls direkt in die Kamera.

„Alles andere würde Dir heute auch leid tun.“

Das Bild brach zusammen, und Manox rutschte zurück auf den Sitz. Er aktivierte das ID und tastete mit der linken Hand nach dem Keyboard neben ihm auf dem Sitz. Doch seine Hand verweigerte die Geste, um das Display wieder für die Rechnerumgebung freizugeben. Er seufzte und fühlte, wie sich in seinem Hinterkopf ein Druck aufbaute, seine Nackenmuskulatur sich verkrampfte. Die Finger der rechten Hand ballten sich zu einer Faust, die sich rhythmisch anspannte, während er vergeblich versuchte, das Gespräch mit Hel aus dem Schädel zu bekommen, um sich wieder auf seine Arbeit konzentrieren zu können.

„Um den Abend und eine eventuell anschließende Nacht mit Helena Moranes erfolgreich zu gestalten, könnten weitere Informationen hilfreich sein.“

Manox legte den Kopf zur Seite. Seine Hände lagen nun ruhig auf Sitzpolster und Lehne.

„Für geringe Zusatzkosten könnte ich Ihnen aktuelle medizinische Daten über Helena Moranes in Form eines Kurzbulletins zukommen lassen. Von besonderem Interesse wären da psychochemische Substanzen im Blutkreislauf, aktuelle Phase im Menstruationszyklus, ärztliche Behandlungstermine – also Daten, die wesentlich die aktuelle Stimmungslage näher erklären können. Diese Informationen würden Ihnen die Gelegenheit geben …“

„Das ist aber illegal.“

Die Entgegnung kam schneller, als Manox erwartet hatte.

„Sie benutzen ein Schlüssellänge, deren Einsatz im Bereich privater Kommunikation gesetzlich verboten ist.“

Manox tippte mit dem Zeigefinger gegen seine spitze Nase.

„Ich habe eine Freigabe dieser Schlüssellänge für die Entwicklung von Komponenten in kritischen Infrastrukturen.“

„Diese Freigabe des Innenministeriums ist letzte Woche abgelaufen. Da Sie nicht um eine Verlängerung nachgesucht hatten, ist davon auszugehen, dass Sie aktuell nicht an Modulen kritischer Infrastruktur arbeiten. Die Nutzung dieser Schlüssellänge auf Ihrem privaten Buddy ist somit illegal.“

Manox richtete den Oberkörper auf und starrte auf den grauen Schirm. Das Ride bremste sanft ab. Die Polster schimmerten elektrisch unter den blauen Fasern, was eine dreidimensionale Tiefe in die Textur des Tuches hineinwob. Seine linke Hand rieb sich lautstark an den Bartstoppeln der Wange.

„Okay – dann lass mal hören, was Du anzubieten hast.“

„Ich muss Sie darauf hinweisen, dass das Abrufen von Gesundheitsdaten mit Zusatzkosten …“

„Is Okay.“

Langsam fuhr das Ride wieder an und beschleunigte. Manox hatte völlig den Faden verloren und kein Gefühl mehr, wie weit sie bereits in die Stadt hinein gefahren war.

„Wie bitte?“

Er ließ sich hart zurückfallen, presste die Schuhe gegen die gegenüberliegende Sitzbank und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich bin damit einverstanden, dass für die Anfrage von Gesundheitsdaten eine zusätzliche Abbuchung erfolgt.“

Ohne weitere Verzögerung purzelten die Informationen aus den Lautsprecherboxen, während die Zahlen als farbig aufbereitete Tabellen auf dem Bildschirm dargestellt wurden. Die Stimme verlor die arabische Akzentuierung selbst in den medizinischen Fachbegriffen nicht.

„Aus den Daten der privaten Gesundheitsüberwachung kann ich für Helena Moranes folgendes Bulletin zusammenstellen: Die weibliche Person ist frei von Infekten. Blutdruck, Körpertemperatur und Atemfrequenz befinden sich seit Wochen im Normbereich. Die zahnärztliche Untersuchung war ohne Befund. Bis auf einen Routinebesuch beim Frauenarzt haben in den letzten zwölf Monaten keine weiteren Arztbesuche stattgefunden. Die weibliche Person ist heute in die Ovulationsphase eingetreten. Ein Eisprung hat bereits stattgefunden oder wird in Kürze stattfinden.“

„Heißt das etwa, dass …“

„Es heißt, dass Sie heute entweder den Zeitpunkt nutzen sollten, eine Familie zu gründen oder – falls dies nicht das Ziel der Zusammenkunft sein sollte – auf jeden Fall Mittel zur Empfängnisverhütung einsetzen sollten. Ich könnte Ihnen dazu folgende Produkte empfehlen: …“

„Über die Werbung hatten wir uns doch bereits geeignet – oder?“

„Ich möchte nur sicherstellen, dass Ihr gemeinsamer Abend mit Helena Moranes diesmal erfolgreicher verläuft als vor 32 Tagen.“

„Vor 32. Tagen? Das war ein – Samstag?“

Seine Fingerspitzen streiften nicht vorhandene Staubkörner von seinen Oberschenkeln, während Manox spürte, wie sich die Nackenhaare aufrichteten.

„Ein Freitag: Sie hatten sich im Theater getroffen und sind nach der Aufführung noch zum Spätkiosk gefahren. Die Einkaufsdaten vermerken unter anderem Sekt und Chips. Sie betraten die Wohnung in dieser Nacht gemeinsam um viertel vor elf. Sie verließen die Wohnung alleine bereits 30 Minuten später und riefen das Ride erst draußen vor dem Haus. Daraus lässt sich unschwer schließen, dass ..“

„Schon gut.“

Er konnte sich an den Abend erinnern. Kaum hatten sie die Wohnung betreten, war ein Anruf reingekommen. Doch statt den Receiver einzugraben, war Hel angesprungen. Irgendeine Freundin war mit verheulter Stimme zu hören gewesen, ehe sie auf InEar geschaltet und sich ins Schlafzimmer zurückzog hatte. Manox hatte alleine in der Küche gesessen, während das Gespräch Minute um Minute dieser Nacht weggefressen hatte.

Irgendwann hatte er ins Schlafzimmer hineingelugt und Hels abwehrende Handbewegung zur Kenntnis genommen und ihr angespanntes Zuhörengesicht im Licht der Nachttischlampen. Er war zurück in die Küche gegangen, hatte noch einige Minuten gewartet, ehe er aufgegeben und die Wohnung verlassen hatte.

Einige Tage später hatte Hel ihn angerufen, und sich bei ihm entschuldigt. Was da genau besprochen worden war zwischen den beiden Frauen, hatte er bis zu diesem Abend nicht herausgefunden.

„Das medizinische Bulletin rät auf jeden Fall zu einer Nutzung von Kontrazeptiva, da sich im Blut der weiblichen Person eine derart hohe Konzentration von Tetrahydrocannabinol, Hydroxybutansäure und verschiedenen Methylamphetaminen befindet, die auf einen gesetzeskonformen, aber regelmäßigen Konsum schließen lässt. Eine vollständige Entgiftung des Körpers wäre vor einer Schwangerschaft anzuraten.“

„So ein Schwachsinn.“

Er schlug mit der Faust gegen die Innenwand des Ride und fluchte tonlos vor sich hin über die Geldverschwendung für diese Neuigkeiten. Und während er langsam seinen Atem wieder unter Kontrolle bekam, kroch in Manox ein klebriges Gefühl von Scham an die Oberfläche. Er führte die Hand den Mund und schlug die Schneidezähne in das erste Glied des Zeigefingers, bis der Schmerz die Hand aus seinem Munde herausriss. Ein Graben hat sich in die Haut hineingefräst und das Ride machte mit kurzen, langsamen Rollphasen zwischen immer länger werdenden Standzeiten deutlich, dass sich das Fahrzeug durch den Stau Richtung Stadtzentrum quälte.

Manox fluchte vor sich hin, da die Zeit unerbittlich voran schritt und er sich immer weiter verspätete. Da an Arbeiten nun nicht mehr zu denken war, wollte er gerade sein Keyboard zusammenfalten, als der Ride-Bildschirm den Plan der Innenstadt an die hintere Wand der Fahrgastzelle warf.

„Soeben wurde ich von der Leitstelle darüber informiert, dass Teile des östlichen Zentrums für die Zufahrt gesperrt wurden. Ich könnte Ihnen folgende alternativen Haltepunkte …“

„Gesperrt? Welche Bereiche genau?“

Hastig ließ er die Tastatur in eine der Jackentaschen gleiten und blickte auf den Kartenbildschirm, auf dem sich eine zusammenhängende Fläche dunkelblau einfärbte wie Tinte auf einem Blatt grauen Löschpapiers.

„Wie ich bereits sagte, Teile des …“

„Was ist der Grund?“

„Ein Grund ist nicht angegeben worden. Ich könnte jedoch …“

„Wenn Du Zugang zu der MedCheck hast, dann weißt Du sicher auch, was da los ist. Und jetzt komm mir nicht mit bezahlen – ich habe nach dem Info-Müll gerade noch einen gut bei Dir.“

„Der Zugang zu sensiblen Informationen, die nicht den Regelanfragen entsprechen, ist als Pauschale für eine Fahrt eingebucht. Sie haben also noch …“

Ungeduldig schrie er dazwischen.

„Was ist da los?“

Hektisch ließ er die Timeline seines Buddies durch die ID-Kontaktlinsen laufen, doch kein Post deute auf einen Unfall oder einen Anschlag hin. Das SocialServ gab auf den ersten Blick nichts als belanglosen Digitalalltag preis.

„Es handelt sich um eine Polizeieinsatz. Hintergrund ist laut Einsatzmeldung ein Befund der Lebensmittel- und Drogenüberwachung. Die Behörde war bei Routinekontrollen auf zu stark verunreinigte Phiolen der Marke ‚DarkLiquidMatter‘ gestoßen sind. Ziel des Einsatzes ist es, die Lagerbestände zu Beschlagnahmen, um so den Vertrieb über den Krypto-Market zu unterbinden.“

„Und – verdammt – wo ist der Einsatz?“

„Der Einsatz ist im ‚Ex‘. Und – das dürfte von Interesse sein – der Schusswaffengebrauch ist für die Beamten der Lebensmittel- und Drogenüberwachung ausdrücklich legitimiert für diesen Zugriff.“

„Ich muss Hel erreichen – sofort!“

Mit wenigen Gesten hatte er ihren Buddy in seinem Album gefunden und die Verbindung wurde aufgebaut.

„Alle Zellen in der nähe des ‚Ex‘ sind für den privaten Datenverkehr eingegraben – NoKom-Zone. Helena Moranes letzte Statusmeldung kam aus ihrem Ride mit dem Eintrag: ‚Fahrzeug – am Zielort – angehalten‘. Nein, in diesem Moment hat ihr Ride die Zone verlassen und kann bestätigen, dass Helena Moranes das Fahrzeug verlassen hat und damit der Transport ordnungsgemäß verbucht wurde.“

Manox war klar, dass sie bereits in dem Restaurant sein musste. Rasch glitt seine Hand in die rechte Brusttasche und holte einen flachen, dunkelgrauen Plastikgegenstand hervor. Mit einem Fingerschnipsen klappte er den Deckel hoch, ein primitives LED-Display flackerte giftgrün auf. Mit den Fingernägeln kratzte er hastig den Bedienstift von der Unterseite des Gehäuses und begann konzentriert, Hels MedSpin-Nummer in das Bedienfeld zu tippen.

Er hoffte, dass Hel ihr Gerät aufgeladen am Körper trug, um die Vibration beim Verbindungsaufbau zu spüren.

„Ich darf Sie darauf hinweisen, dass Sie wieder eine unerlaubte Verbindung aufbauen, diesmal über den Kanal der Sanitäts- und Rettungskräfte. Außerdem würde es mich wundern, wenn Sie darüber einen Hilfsdienst erreichen würde, da die Dienste längst auf die neueste Buddy-Generation umgeschaltet haben. Ich könnte Ihnen einige Buddy-Typen vorstellen, die besonders preisgünstig sind und … “

„Schnauze.“

Der MedSpin vibrierte, Hel war online, und er starrte wartend auf die Anzeige, nachdem er einen Broadcast-Ping verschickt hatte. Manox machte sich noch bewusst, dass Hel nicht erkennen konnte, wer ihr die Verbindung zugeschickt hatte. Doch sie beide kannten niemanden, der diese alten Geräte noch benutzte. Er hatte die beiden MedSpins auf dem Krypto-Market erworben als Spielerei, da sie sich immer über die Funklöcher aufregte auf seinen Bahnreisen durch ländliche Flächen in Brandenburg, Mecklenburg oder Bayern. Dort stand flächendeckend nur noch ein primitives Netz für Notfall-Dienste bereit, welches aus Sicherheitsgründen auch in den Fahrzeugen der Bahn installiert war.

Das Gerät vibrierte nochmals, und er ballte erleichtert die Faust, als die LEDs von rechts nach links zu leuchten begannen. Eine Laufschrift aus weißem Licht erschien über dem grünen Hintergrund bewegte sich über das Display.

„ICH WARTE!“

Er biss sich auf die Unterlippe, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und tippte dann, so rasch er konnte.

„GEH AUFS KLO. SCHLIESS DICH EIN. JETZT. M.“

„WARUM?“

„!JETZT!“

Der MedSpin vibrierte, die LEDs erloschen, nur die Betriebsbereitschaft wurde noch mit einer grünen Diode im Plastikgehäuse angezeigt. Die Verbindung zu Hel war abgebrochen. Mit geweiteten Augen starrte er auf das erlöschende Gerät.

„Bring mich so nah wie möglich ans ‚Ex‘.“

Sein Blick flog über die Karte und den unförmigen blauen Fleck der NoKom-Zone in der Mitte des Bildschirms. Die Lederjacke drückte plötzlich schwer auf seine Schultern, er rutschte auf dem Sitz herunter und sackte in sich zusammen. Sein Atem rasselte, der Brustkorb pumpte hektisch, seine linke Hand reichte in die Leere der Fahrgastzelle auf der Suche nach der Notfallentriegelung. Die Lichtfilter der Fensterscheiben warfen die Außenwelt zurück hinter einen Schleier aus mattem Silberglanz.

Er schloss die Augen und sah das Bild aus der Fahrgastzelle wie in sein Sichtfeld eingebrannt, bis er wahrnahmen, wie sich das Zonenblau auf dem Bildschirm vergrößerte und die blau-metallische Oberfläche der Polster hinauf wucherte. Beide Farbtöne vermischten sich wie zwei Sorten eines zähen Gels, das metallische Flimmern des Polsters durchzog elektrisch den Klecks auf der Karte, die gesamte Hülle des Innenraums pulsierte. Seine Hände reflektierten das Licht, als wären sie blau angelaufen unter einer fahlen Haut. Dann hörte er ein gluckern von Wasser und spürte, wie die Nässe aus den Schuhen die Schenkel hinauf kroch.

Erschrocken riss er die Augen auf.

„Fahr den direkten Weg durch die Wohnviertel.“

„Ich muss Sie darauf hinweisen, dass Fahrten außerhalb freigegebener …“

Seine Stimme rasselte durch die trockene Kehle und mühsam formte sich die Worte der vorgegebenen Autorisierung

„Ich bin damit einverstanden, dass für Fahrten außerhalb der freigegebenen Rideways eine zusätzliche Abbuchung erfolgt.“

Sogleich bremste das Ride, setzte ein Stück zurück, um dann mit einem Schlenker in eine Rechtskurve einzubiegen. Das Fahrzeug beschleunigte, bog in eine Linkskurve, beschleunigte nochmals, bremste unvermittelt, um ein Hindernis zu umkurven, um anschließend wieder zu beschleunigen.

Manox starrte immer noch auf die Bildschirmkarte der blauen Zone, während die Polster friedlich auf den Sitzen ruhten.

„Alle offenen Cams in der Zone – um das ‚Ex‘, 16 zu 4 Raster parallel, aktuelle Ansichten“

Schlagartig zerlegte sich der Bildschirm in 64 Kacheln, als statisches Bild oder gespeist von einem Stream, am unteren Rand Uhrzeit und Geolokation, dazu ein durcheinander von Geräuschen, Worten und Musik vom SocialServ.

Manox befahl, den Ton auszuschalten, ließ die Aufnahmen in rascher Folge heranzoomen und blätterte so durch ein Multi-View-Panorama um das ‚Ex‘. Da er nach Außenaufnahmen oder Motive aus einem Restaurant suchte, wischte er die Ansichten aus Zimmern und Wohnungen rasch beiseite. Die übrigen Bilder aus dem ‚Ex‘ waren entweder mehrere Minuten alt oder die SocialServ-Streams waren abgebrochen.

Er fand einen Blickwinkel auf den Eingang des Restaurants, der über ein Kabel gestreamt wurde, welcher mit wenigen Sekunden Verzögerung eine dämmrige Ansicht lieferte, durch die dunkle Silhouetten huschten. Ab und zu öffnete sich die Restaurant-Tür und das Licht der Straßenbeleuchtung wurde direkt in das Objektiv hineingespiegelt, so dass ein helles Weiß das Bild überflutete, ehe die Türscheibe den Winkel derart veränderte, dass das ‚Ex‘ im Dunkel wieder erkennbar war.

Die schmalen Gassen ließen das Ride schaukeln wie ein Boot auf ungestümen Wellen. Statt eines sanften Bremsen und Beschleunigen bockte das Fahrzeug immer wieder unter den Beschleunigungs-Kräften.

„Wann haben wir die Zone erreicht?“

In diesem Moment erblickte er ein grelles, blaues Blinken in dem Stream, ein Scheibe in der Restaurant-Fassade warf das Warnlicht der Behörden-Fahrzeuge zurück. Schlagartig wechselten die anderen View-Kacheln das Motiv. Zahlreiche P-Cams und IDs pushten Bilder von TransRides unter Kaskaden von Warnlichtern, blockierten Durchfahrten, vorbeihetzenden Polizei-Rotten in schusssicheren Westen und grimassierenden Gesichtern vor Lautsprecherwagen ins Netzwerk. Eine SocialServ-Choreographie von sich absenkenden und hochfahrenden Sicherheitsbarrieren vermischte sich mit Aufnahmen zwischen von eiligen Sicherheitsbeamten, die mobile Absperrbaken aufbauten.

„Noch zwei Minuten. Die Zentrale meldet nun ein generelles Einfahrverbot in die NoKom-Zone.“

„Den Stream rechts oben auf mein Buddy“

Die Ansicht der Restaurant-Front, die auf dem Bildschirm als Einzelkachel sichtbar war, spiegelte sich schlagartig in der oberen rechten Ecke seines Kontaktlinsen-IDs. Das Ride stoppte, und schlich dann im Schritttempo weiter voran. Manox sah zweifach mit einer Bruchsekunden-Verzögerung, wie die Eingangstür aufgerissen wurde, mehrere Gestalten den Raum stürmten und sich schlagartig der gesamte Innenraum taghell erleuchte und sich eine Wand aus breiten, kantigen Schußwestenleibern an den Scheiben des Restaurant postierten. Das Explosionsgeräusch, auf das seine Ohren warteten, wurde nicht über den stummen Stream übertragen.

Das Ride schaukelte durch eine rechts-links-Kombination, um dann scharf abzubremsen. Die Kacheln auf dem Bildschirm froren ein, die Seitentür schwenkte auf.

„Vielen Dank für die Benutzung unseres Transportdienstes. Ich hoffe, wir können Sie bald wieder als Kunde begrüßen. Sollte Ihnen die Fahrt gefallen haben, nutzen Sie unseren Feedback-Mate, der gerne auch Ihre Anregungen entgegen nimmt.“

Noch bevor Manox auf der Gasse stand, wehte ihn der feuchte Gestank der Stadt an. Ein grünlicher Geruch von langsam fließender Kloake hatte sich in den abendlichen Regenschleier hineingemischt. Die Laterne direkt über ihm flackerte hektisch, der Mülleimer neben dem Durchgang zum Hinterhof war umgestürzt und der Inhalt verteilte sich über die Straße. Die steilen Häuserwände warfen den Abendhimmel weit hinter die Dachfirste zurück, davor reihten sich Fahrzeuge auf der Straße wie Perlen an einer Kette aneinander.

Jedesmal, wenn sich ein Ride öffnete, schallte eine andere Musik in die Straße hinein, waren neues Gelächter, spitze Schreie und kraftmeiernde Rufe zu hören. Während die einsteigenden Personen mit ängstlicher Hektik in den Rides verschwanden, kletterten zahlreiche junge Menschen mit wilder Aufgekratzheit aus den Kabinen, schwenkten Flaschen verschiedenster Sorten Alkoholika, und langsam überlagerte ein süßer Duft von Hasch den Gestank der Gossen. Die Sirenen der Einsatzfahrzeuge von Polizei und Lebensmittelkontrolle jammerten von Fern durch das Viertel, zahlreiche Menschen aus den Fenstern schwenkten ihre IDs, um das SocialServ mit Bilder von dem Einsatz und em Menschenauflauf zu fluten.

Manox orientierte sich über sein ID und lief so schnell es ihm möglich war durch die Menschenherde zur nächsten Straßenkreuzung, bis ihm über ein Warnsignal der Verlust der Konnektivität signalisiert wurde. Sein Sichtfeld flutete sich rot und er musste sich mit einer Geste erst wieder einen freien Blick verschaffen.

Die Wagen der Einsatzkräfte waren in großer Zahl auf der Zufahrt zum ‚Ex‘ abgeparkt, davor standen Rotten von Sicherheitskräften, die offensichtlich für einen Einsatz mit Schusswechsel ausgerüstet waren. Die Metallhelme mit den Mannschaftsnummern glitzerten Blau unter dem fahlen Licht der alten LED-Lampen. Manox versuchte ruhig, an den Truppen vorbeizugehen, doch niemand nahm von ihm Notiz, während Funksprüche laut herumquakten und Zigaretten nachlässig ausgetauscht wurden.

Rechts hinter der nächsten Abzweigung war eine Barriere aufgebaut, an der einige Beamte herum lungerten. Das ‚Ex‘ war in Sichtweite und eine Gruppe Anwohner war in einem Streitgespräch mit den Sicherheitskräften verwickelt, die ihnen den Zugang zu ihren Wohnungen verweigerten. Die Helme schüttelten den Kopf und lautes Fluchen schallte herüber.

Manox rannte zur nächsten Kreuzung, bog in eine Straße ein, welche breiter war als die schmale Gasse mit den Anwohner, und die von einer bewaffneten Personenkette abgeriegelt wurde. Pressewagen hatten sich davor in einem wirren Puzzel ineinander verkeilt, Kameralichter und Scheinwerfer strahlten auf die Reihe der Einsatzkräfte und das ‚Ex‘ dahinter war nun taghell von den Strahlern ausgeleuchtet.

Ein Lärm aus gebrüllten Befehlen und laut in Mikrophone geschriene Lageberichte dränge sich in seine Ohren, als sich Manox an den Reihen Journalisten und Schaulustigen vorbeidrängelte, bis er von einem Beamten mit einer Waffe vor der Brust gestoppt wurde. Ein Geruch von Feuer, Schwefel und Ozon lag in der Luft, der Atem des Polizisten schlug ihm entgegen, als er gegen seine Brust gedrückt wurde durch die drängelnden Menschen hinter ihm. Der Sichtschutz unter dem blauen Helm verbarg die Augen des Beamten, als Manox ihn anbrüllte.

„Lassen Sie mich durch. Ich muss zu meiner Freundin.“

Ungerührt schob ihn der Polizist zurück indem er ihn mit der Waffe vor den Oberkörper drückte. Manox spürte, wie sich Handflächen auf seinen Schultern abstützten und Menschen hinter ihm hochhüpften, um einen Blick auf die Vorgänge am ‚Ex‘ zu erhaschen. Rest und links in der Abriegelungskette stemmten sich die Beamten gegen den Druck der Menschen.

Plötzlich brandete hinter ihm ein wildes Kreischen auf und vorbei an der Schulter des Beamten vor seiner Nase nahm er wahr, wie eine Personengruppe aus dem ‚Ex‘ hinaus hastete und durch eine Gasse zwischen den Einsatzwagen auf ihn zulief. In diesem Moment spürte er gleichzeitig Knie und Ellenbogen in seinem Rücke, der Aufprall auf die Maschinenpistole nahm ihm einen Moment den Atem und er versuchte, sich an dem Polizisten vor ihm festzuhalten.

Das war der Augenblick, in dem die Beamten zurück wichen und er nach vorne auf den nassen Straßenbelag fiel. In einem Anfall von Panik spürte er, wie schlagartig Adrenalin in seinen Körper hineinströmte und ein schmerzhaftes Zucken der Zehen auslöste. Unbeholfen versuchte er, sich vom Boden aufzurappeln, ehe die Menschen ihn von hinten niedertrampeln konnten, bis er bemerkte, dass er hinter die Absperrung gekrochen war. Er blickte auf und sah rennenden Personen, gekleidet wie eine Gesellschaft aus einem Restaurant, mit blutverklebten Gesichtern, aschfahler Wangenhaut, Flecken wie Rotwein und Tomatensuppe auf Sakko, Blusen, Hemden. Und da, am Ende der Reihe, erkannte er die roten Locken.

Er brüllte Helens Namen, streckte sich hoch und winkte ihr zu, die gebückt an ihm vorbei zu laufen schien. Mit zusammengekniffen Lippen und funkelnden Augen blickte Helen ihn an. Unbeholfen winkte er zu ihr herüber, sie lief auf ihn zu, griff seine Hand und zerrte ihn durch die Kette der Polizisten, die genug damit zu tun hatte, die Menschen vom ‚Ex‘ fernzuhalten.

Wortlos mit aller Entschlossenheit boxte sich Helen den Weg durch die Menschen, bis endlich genug Platz war, um ohne Einsatz der Ellenbogen voran zu kommen. Er sah, dass ihre HighHeels in der Handtasche stecken – sie rannte barfuß über die Straße.

„Wo sind die Rides?“

Er deutete links in die Straße, aus der er gekommen war, und sofort änderte Helen die Laufrichtung, immer noch an seinem Arm zerrend. Dort hatten die wartenden Sicherheitsbeamten inzwischen ihre Gelassenheit abgelegt und angefangen, sich für den Einsatz aufzustellen. Die erste Rotte hastete an ihnen vorbei, wohl mit dem Auftrag, den Menschenansammlung vor der Sicherungskette aufzulösen.

Endlich hatten Sie den Rand der Sicherungszone erreicht, die Kette der Rides zog im Schritttempo an ihnen vorbei, spuckte immer wieder Passanten aus, einzeln, in Paaren oder Gruppen, die in freudiger Erregung mit gezückten Kameras und aktivierten Pupillen-IDs ihren Weg in die Zone antraten. Der Vorplatz, an dem Manox noch vor wenige Minuten unbehelligt aussteigen konnte, war inzwischen von Glasscherben, Getränkedosen und Plastikmüll übersät. Ein Mädchen saß am Rand und blickte dumpf auf ihre blutende Hand, in der noch eine Scherbe zu stecken schien. Ihre Freundin hockte daneben und schrie sie mit tränenverheultem Gesicht an, während sich eine Gruppe von jungen Männern und Frauen einen Scherz daraus machten, leere Flaschen mit einem Fußtritt gegen eine Wand zu schießen. Aus den Fenstern der Häuser wurden Mülltüten auf die Randalierenden geworfen, die nun dichtgedrängten den Platz füllten

Helen rempelte sich durch die Menge bis sie mit Manox ein Teenager-Pärchen zu oden stieß, beide in Schuluniform und aufnahmebereitem EduBuddy, die nach dem verlassen ihres Ride versuchten, sich zu orientieren. Sie sprang auf die Rückbank, zog Manox hinein, so dass er mit dem Kopf gegen die Innenwand der Beförderungskabine schlug, als sich die Tür ruckelnd schloss. Das Fahrzeug war ein älteres Model mit reduzierter KI.

„Manox. klink Dich jetzt ein!“

Sein Kopf dröhnte noch von dem Aufprall, und mit zitternden Finger tastete er nach der Identitätsfreigabe. Die Polsters waren feucht, Taschentücher müllten den Boden zu, Geruch schweren Brandweins füllte die Luft, sein Finger klebt auf dem Abruckscanner und eine halbleere Glasflasche rollte beim Anfahren über den Boden.

„Willkommen, Herr Manox. Schön, dass Sie unseren Transportdienst heute nochmals nutzen. Wir wünschen ihnen eine angenehme Fahrt und hoffen, sie hatten einen zufriedenstellenden Aufenthalt in der Stadt.“

Er blickte auf Helen, deren Brust sich zitternd unter heftigen Atemstößen bewegte, wie sie ausgestreckt auf der Sitzbank lag, das grüne Kleid an der Seite zerrissen, die Haare wirr ins Gesicht fallen, die Spange verrutscht über dem Ohr, mit Schnittwunden an den Füßen.

„Bringen Sie uns …“

Mit hastigem Keuchen wurde Manox unterbrochen.

„Zu Dir …“

Atemlos presste Sie die Worte über ihre Lippen.

„Okay – also zurück in meine Wohnung. Und – kein Join“

Das Ride bestätigte die Anweisung und setzte sich sanft mit Schrittgeschwindigkeit in Bewegung,

Während langsam das dröhnen in seinem Kopf nachließ, setzte Helen sich auf, legte die Schuhe auf den Boden des Innenraums und durchsuchte die Handtasche mit hektischem Wühlen. Manox starrte entsetzt auf ihre blutende Füße, doch ehe er überhaupt ein Wort rausbringen konnte, quasselte sie wie von der Trantel gestochen los.

„Deine MedDings-Nachricht hat mich gerettet. Ich hätte ja nie gedacht, dass ich diesen Bastelquatsch mal benötigen würde. Hatte auch nur noch genug Akku, um die beiden Nachricht von Dir zu lesen. Dann ging nix mehr.“

Der MedSpin fiel achtlos daei auf die Bank neben Helen. Manox sah bei zuhören, wie ihre Hände immer noch zitterten, obwohl sie eigentlich genug Atem geholt haben müsste. Immer hektischer suchte sie in der Tasche, bis sie triumphierend eine Schachtel herausfingerte.

„Na also, war der Besuch im ‚Ex‘ doch nicht ganz umsonst. Ich war gerade zurück vom Lagerraum, als ich Deine Nachricht bekam. Ich bin dann natürlich sofort auf die Toilette, und kaum hatte ich abgeschlossen, brach da oben im Restaurant die Hölle los. Irgendetwas explodierte, dann Schreie und Schüsse, und Befehle, irgendwann dann nur noch gebrüllte Befehle, so wie ‚raus hier, alle Gäste raus.“

Sie klappte den Deckel an der Seite des Kastens auf, und vier Phiolen mit einer tiefschwarz-metallischen Flüssigkeit waren zu sehen. Mit der freien Hand strich sie durch ihre Haare, stockte an der verrutschten Spange, löste sie von Kopf und warf sie zurück in die Handtasche.

„Ich bin dann raus aus dem Klo, hoch in den Gästeraum, überall dieses grelle Licht, Rauch, dieser Geruch von Silvester, irgendetwas brannte in den Augen, da bekam ich einen Schlag auf die Schulter, der mich Richtung Ausgang schubste. Ich ging in die Knie, kam nicht mehr richtig hoch, die Füße knickten mir weg, ich zog die Schuhe aus und bin heraus gerannt.“

Ihre Stimme hatte sich in der Erzählung überschlagen und nun war ein Moment Stille eingekehrt, in der nur der alte Ride-Motor zu hören war.

„Und dann – warst Du plötzlich dort draußen. Magisch!“

Inzwischen hatte Helen eine Phiole aus der Verpackung gefingert und ehe Manox begriff, was geschah, hatte Hellen die Spitze abgebrochen, das Gefäß an den Mund geführt und den Inhalt in einem Zug geleert.

„Helen – bist Du verrückt?“

„Nur nach Dir – und das feiern wie gleich hier.“

In dem Moment als ihre Hände nach den Trägern ihres Kleides griffen, sah Manox, dass ihre Pupillen wie schockgefroren erstarrten. Ihr Körper bäumte sich für eine Sekunde auf, um dann kraftlos zusammenzusinken. Er stürzte nach vorne, fasste ihren Kopf mit beiden Händen und fühlte eine leblose Kälte in ihren Wangen.

„Notfall, dies ist ein Notfall. Zum nächsten Krankenhaus.“

„Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens ist es nicht möglich, die nächste medizinische Notfallstation unter 10 Minuten zu erreichen. Ich rate ihnen daher, eigenständig mit lebenserhaltenen Maßnahmen zu beginnen.“

„Was?“

Er beugte sich herunter zu ihren Lippen, die grün geschminkt zitterten, als versuchten sie, mit letzter Anstrengung noch ein Wort hervorzubringen. Er griff nach ihrem Handgelenk, um den Puls zu tasten, und horchte mit geschlossenen Augen über ihrem Mund.

„Nach der Dämmerung kommt der Tag, und vielleicht kann niemand so, wie er mag.“