Vorwort

„Was wäre, wenn …?“ Seit die Vorfahren des modernen Menschen als Kulturschaffende  die Erde bevölkerten, beginnt mit diesen drei Worten ein vor Kreativität strotzendes Gedankenwerk. Uralte Grabbeigraben sind ein Zeugnis davon, dass schon vor dem Homo Sapiens darüber nachgedacht wurde, was wäre, wenn es ein Leben nach dem Tod gäbe.

Sind diese drei Worte ausgesprochen, tritt uns ein Wesen gegenüber, welches die Fähigkeit besitzt, jenseits von Zeit, Raum und Überlebenstrieb in die unendliche Sphäre der Möglichkeiten einzutreten – bis hinein in eine Welt jenseits von Tod und Verwesung. Das ‚Was wäre, wenn …?‘ befreit den Menschen von allen Fesseln und steht daher am Beginn von Ideen und Visionen, die anfänglich noch nahezu unmerklich, am Ende jedoch unübersehbar Veränderungen, Entwicklungen, Epochenbrüche und Revolutionen auslösen.

Dieser Blick auf Zukünfte, Alternativen und Variationen ist immer eine Herausforderung, denn er erlaubt das Spielen mit einer schier unendlichen Zahl von Möglichkeiten. Doch auch diesseits der fernen Weiten galaktischer Sternenzerstörer-Abenteuer oder neu erschaffener Fantasy-Welten, in der sich ganze Lichtjahre von Literatur ausgetobt haben, liegen reizvolle Themen verborgen. Gemeinsam ist all diesen Werken, dass sie stets auch eine Aussage über den Künstler, seine Gesellschaft und seine Epoche treffen. So lesen Paläontologen aus den Grabbeigaben des Neandertalers heraus, in welcher Umwelt dieses Wesen gelebt hat.

Und so sind wir auch heute immer noch bemüht, zukünftige Wissenschaftler mit den notwendigen Forschungsgegenständen zu versorgen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, reicht eine Kleinigkeit aus. Und genau darum geht es bei dieser Sammlung von Kurzgeschichten, in der jeder Text ein Gedankenexperiment darstellt: Was wäre, wenn wir von heute aus betrachtet die technologische Entwicklung nur einen Schritt weiter denken?

Es sind stets nur wenige Schrauben, die eine Teilumdrehung angezogen oder gelockert werden – um vor dieser Basis ausgehend, die Frage zu beantworten: „Was wäre, wenn …?“. Der Blick richtet sich also nicht auf das ferne Übermorgen, sondern auf das konkrete Morgen, das wir mit viel Glück und medizinischem Wissen sogar noch erleben könnten.

Dabei wird die in den Kurzgeschichten beschriebene Zukunft JETZT geboren – jeden Augenblick, in dem kreative Menschen neue Maschinen, Software, Prozesse, Gensequenzen und Ideenwelten entwickeln. Das kreative Potential von über sieben Milliarden Menschen, eine große Zahl davon über das Internet direkt miteinander verbunden, erlebt aktuell eine Blüte, wie sie noch im letzten Jahrhundert nicht vorstellbar war. Für unsere Hochgeschwindigkeits-Alltagswelt laufen diese globalen Fundamentalveränderungen als Hintergrundprozesse ab – schleichend verborgen, dabei infinitesimal irreversibel mit einer Zwangsläufigkeit, die sich erst im Rückblick auf diese Revolution offenbart.

Seltsam mutet dabei die offensichtliche Blindheit der Protagonisten des Wandels an für eine doch deutliche auf der Hand liegende Grundwahrheit: Gesellschaftliche Probleme werden nicht durch technische Entwicklung gelöst. Was uns die Geschichte lehrt ist, dass Technik maximal eine Problemverschiebung erreichen kann. Dies hat dazu geführt, dass in Innenstädten der Pferdekot beim Droschkenbetrieb durch Feinstaub und Stickoxide aus Verbrennungsmotoren abgelöst wurde. Doch die Frage, wie eine lebenswerte Stadt logistisch versorgt werden kann, ohne die Gesundheit der Bewohner zu bedrohen, bleibt bis heute unbeantwortet.

Doch Technik, die die gesellschaftlichen Probleme nicht löst, hat dazu noch Nebenwirkungen, die oft nicht unmittelbar erfahrbar sind in der Vorausschau. Noch schwerer fällt eine Folgeabschätzung, wenn massive wirtschaftliche und politische Interessen den Diskurs über Gesellschaft, Zukunft und Technologie vergiften, wenn Argumente und Fakten nicht mehr rezipiert werden können unter einem Trommelfeuer von ‚alternativen Fakten‘ und wunschgemalten Utopien, wenn der Wandel sich zunächst im digital-virtuellen und nicht im analog-realen Leben vollzieht. Daher müssen Zukunftsvisionen nicht nur als ein Berg an Datenmaterial sondern auch emotional erfahrbar werden – gerade für all jene Menschen, die in zukünftige Revolutionen wieder nur als machtlose Objekte die Statistiken der Geschichtsbücher füllen werden.

Bereits jetzt erleben nicht alle Menschen diese gewalttätige Abfolge von Disruption und Neuschöpfung als bereichernd. Im Gegenteil: Die Furcht vor der Zukunft speist sich wesentlich aus der Angst, was die zweifellos zerstörerischen Mechanismen der globalen Revolution vernichten – und was überdauern oder an Neuem geschaffen wird. Und auch diese Frage wird JETZT ausgehandelt.

Furcht jedoch ist kein guter Ratgeber. Hilfreicher ist es, sich der Mechanismen bewusst zu werden, die unsere Zukunft gestalten, sie erfahrbar zu machen – um beherzt und entschlossen in das Räderwerk der Zeitläufte einzugreifen. Denn egal welche Farbe die Zukunft haben wird – tiefschwarz oder glitzerrosa – es liegt heute in unserer Händen, was wir daraus machen.