Kuss der Raubtierfrau

Die Nacht sich auf die Straßen legt.
Das Jahr streckt müd’ sich nieder.
Ein alter Vampir schreit nach Blut.
Die Wölfe heulen wieder.

Winterblau erhellte
Gassen tragen mauergrau,
Mutlos Ampellichter warnen
Und ein trüber Weihnachtsglanz
Fällt durch fremde Fenster.
Es jagen die Gespenster
Über Zebrastreifen, Radfahrspur
Durch die Abendkälte.

Der Wink der Raubtierfrau
Verführt mit totenbleichen Armen
Zu einem letzten Tanz.

Ein silberstummer Stern
Scheu durch Dämmstoffwolken bricht.
Der Mond scheint –
Wie die Nachbarschaft- verreist.
Er zeigt sich heute nicht,
Wo der alte Wald
Mit dunklem Gesicht
Den falschen Glanz der Stadt
Bis zur Unkenntlichkeit zerspleisst.

Der Kuss der Raubtierfrau
Streift den Hals. Wüst und kalt
Ihr Biss mir Wunden reißt.

Feine Seidentuchmomente,
Wilder Rausch und müdes Glück,
Der Leidenschaft verdammte Fundamente,
Sind nur Erinnerungsfragmente.
Der Ekstase tote Glut
Strahlt kalt nur noch zurück,
Und kein Sehnsuchtsblick,
Der noch auf mir ruht.
Vom Gift der schwarzen Spinne
Verbrannt und blind
Sind alle lieben Sinne.

Am Kinn der Raubtierfrau
Ein feiner Faden Blut
Zu braunem Rost gerinnt.

Jetzt, wo Zweisamkeit zerbricht
Wie ein schwaches Mausgenick,
Vergessen wir den ersten Blick
Und halten die Versprechen nicht.
Von Friedhofschmuck bedeckt
Spiegelt sich nur Zauberbann
In leichenstarrem Wachsgesicht.
Nichts fällt mehr zurück
Von Grabkapellenwänden,
Denn die Zeit zerrann
Zwischen den Händen
Wie das unverdiente Glück.

Der Mund der Raubtierfrau
Verspricht, dass niemand mehr erwacht
Im dunklen Tal der Todesnacht

Die Kämpfe immer neu begonnen
Mit Säbeln und mit Messern,
Doch nie den Lorbeerkranz gewonnen.
In brausenden Gewässsern
Mit aller Kraft geschwommen
Doch den Strudeln nie entkommen.
Noch bevor ein Leben war geboren
Hat sich ein kaltes Schicksal
Die Verlierer auserkoren.

Das Haar der Raubtierfrau
Lockt mit blondem Glanz
Zu einem letzten Mahl.

Gleise werden aus den Betten,
Träumer aus dem Schlaf gerissen.
In den Gossen, angstdurchtränkt,
Die Fetzen fremder Ruhekissen.
Ein winterlicher Wahn hat
Die schale Schwermut ganz.
Ergriffen lauscht die Stille
Auf den Wegen wo
Noch eben Puls und Atem gingen.
Nur schwach ist noch der Wille
In diesem aussichtslosen Ringen.

Das Herz der Raubtierfrau
Am Abgrund der Maschinenwelt
Metallisch bellt.

Diese Welt ist groß
Und was verloren,
Lässt sich nicht mehr finden.
Zwei Leben lassen sich
Nicht ewig aneinander binden.
Wer einst war Krieger
Gehört nun zu den Blinden
Wiegt den Bettelkelch im Schoß.
Ferne Reiche sind zerbrochen
Und das Strahlen alter Sieger
Verblich im Malstrom der Epochen

Die Raubtierfrau atmet Staub
Auf all den Marmortrümmern.
Ihre spitzen Ohren bleiben taub
Für das letzte Wimmern.
Hinter ihren Augen tost
Ein Sturm über dem See,
Dem schwarzen Herz Elysiens.
Ein Herzschlag und
Ein letztes Wort
Bevor die Lippen kosten süßen Trost:

“Küsse mich, o küsse mich
Mit Deiner roten Raubtiergier
Und trag’ mich rasch hinüber.”

“Ich stille das Verlangen, das
So mächtig tobt in Dir,
Und alles ist vorüber.”