Erwartung

Noch ruht der Sturm in der Ferne
hinter dem räudigen Meer.
Noch liegt eine fremde, südländische Wärme
über Gärten, Parkplätzen und Kopfsteinpflaster.

erwartung_400

Der weite Himmel lässt einen
großen Raum für Gedanken.
Es scheint, als wolle
dieser Herbst all jene Versprechen
einlösen, die der Sommer nicht gehalten hat.

Noch schmeckt das Eis am Rand
des Kirchplatzbrunnens.
Noch sind die Jacken leicht und die Röcke
kurz in den Pendlerzügen.

Die Nacht fällt herab so schwer
wie Samt, erstickt behutsam das Feuer,
welches den westlichen Horizont
in Flammen setzt, und hinterlegt
den Gestirnen eine geschwärzte
Leinwand als Firmament.
Ein Windhauch pudert zarten
Silberstaub auf diese Fläche.

Noch verlassen wir das Haus auch am Abend.
Noch küssen wir uns weltvergessen
im Bernsteinlichte der Laternen.

Es verwundert, dass die Tage noch stets
die gleiche Länge haben, obwohl
die Welt sich schneller dreht.
Unwillkürlich greift die Hand
mitten in einem Spaziergang nach einem Halt – nutzlos!

Noch lässt sich erwartungsvoll in die Zukunft blicken.
Noch lässt sich auf ein gutes Ende hoffen für dieses Jahr.